1966 mit Bahn und Bus in die Türkei

Impressionen einer ungewöhnlichen Reise

von Gelsenkirchen nach Kuşadası

von Heinz Albers

 

1. Kapitel

    Die Fahrt mit dem Zug

Kusadasi - Hunderttausende besuchen diese Stadt heutzutage. Sie steigen irgendwo in Deutschland in ein Flugzeug und sind nach längstens vier Stunden in Ihrem Hotel an der türkischen Ägäisküste. Großartig!

Sind Sie jemals mit dem Zug in die Türkei gefahren? Genau 7.000 Kilometer hin und zurück mit Bahn und Bus bis zu einem kleinen Hotel im Süden von Kuşadası? Nein?

Damals, 1966, war es noch etwas exotisch, eine Reise in die Türkei zu planen. Es gab hier zwar schon etliche türkische Gastarbeiter, der Deutsche machte sich als Tourist in der Türkei jedoch noch ziemlich rar. Das Land war für die meisten zu weit weg, zu fremdartig. Es galt als scheinbar unterentwickelt und hatte eine völlig andersartige Sprache und Kultur, war bestimmt heidnisch und sicher bei der nächsten Beichte zu erwähnen. Und den Bürger schreckte immer noch der Text: „Wenn hinten weit in der Türkei die Völker aufeinander schlagen...“. Nein!

Bevorzugte Ziele unserer Landsleute waren damals, wenn man überhaupt die Landesgrenzen überschritt, Österreich, Italien und Spanien. Dort verstand man sie. Ganz Mutige trauten sich bis nach Mallorca vor. (Dessen Name von den meisten wie geschrieben ausgesprochen wurde, einige sprachen ihn so aus, dass man meinte, von russischem Tabak zu hören – Machorka.) So richtig polyglott waren wir eben in den sechziger Jahren noch nicht...

Nur wenige Menschen entdeckten in dieser Zeit für sich das herrliche Land, das auf zwei Erdteilen siedelt – die Türkei mit seinen außergewöhnlich liebenswürdigen Bewohnern und seiner grandiosen Kultur.

Ich machte mich damals, am 27. August 1966, mit meinem Freund Rolf mit dem Zug auf in die Türkei. Vielleicht hätten wir auch das Flugzeug nehmen oder über Touropa eine Pauschalreise buchen können. Das war uns jedoch zu teuer. Außerdem lernt man auf diese Art des Reisens ein Land am wenigsten kennen.

Das Flugticket von Deutschland bis Istanbul kostete damals ziemlich genau 1.000.- DM (etwa 510 Euro). Das war mehr Geld, als die meisten Deutschen anno 1966 im Monat netto verdienten. Der Eisenbahn-Fahrschein von Gelsenkirchen Hbf nach Istanbul Sirkeci kostete Rolf hingegen nur 310.- DM (ca. 158 Euro) für die Hin- und Rückfahrt. Meine Fahrscheine kosteten nichts, weil ich als Mitarbeiter der damaligen Deutschen Bundesbahn im Rahmen eines Austausches Freifahrten erhielt. Meine Fahrscheine habe ich am Ende dieses Berichtes abgebildet.

Warum wir ausgerechnet die Türkei als Reiseziel wählten, hatte mehrere Gründe.

Auf Korsika trafen wir 1964 einen Globetrotter, der uns von dem Land viele Dinge erzählte, uns neugierig machte und beiläufig erwähnte, dass man dort „für eine Mark sechzig essen kann, bis man vom Stängel fällt“. Außerdem wollten wir fremde Länder und Kulturen kennen lernen. Ferner kam uns bei stets klammer Kasse die Preiswürdigkeit sehr entgegen. Sechsundzwanzig Tage Urlaub kosteten uns daher auch nur rund 700.- DM (rund 357 Euro). Inklusiv aller Fahrkarten, Rauchwaren, Speisen und rotem Sekt am Strand.

So eine Reise wollte gut vorbereitet werden: Die Pässe mussten zur Erteilung der Visa den Botschaften Jugoslawiens und Bulgariens vorgelegt werden. Devisen waren zu beschaffen; für 1.- DM gab es 2,78 Türkische Pfund. (Der US-Dollar kostete 3,96 DM, das britische Pfund war für 11,09 DM zu bekommen.) Die wichtigsten Wörter in Türkisch mussten gelernt und Platzreservierungen besorgt werden. An eine ausreichende Menge an Fotomaterial war zu denken.

Als das alles getan war, konnten wir endlich am 27. August 1966 aus Gleis 1 in Gelsenkirchen Hbf um 6.22 Uhr mit dem D 1304 nach München abfahren, um dort in den D 103 „Tauern-Orient“ nach Istanbul umzusteigen.

 

Gelsenkirchen Hbf, ca. 1960       Gelsenkirchen Hbf, 1900

Gelsenkirchen Hbf in den 60er Jahren                            Gelsenkirchen Hbf um 1900

(© Uhlenhorst gegr. 1849, Keramikfliese)                                                             

 

Wir wählten bewusst diese Verbindung. Statt des D 1304 hätten wir auch die Kurswagen des D 456 (Hellas-Express) direkt ab Gelsenkirchen nach Istanbul benutzen können. Das wollten wir nicht, weil das Wagenmaterial unseren Vorstellungen nicht entsprach. Auf die Reservierung von Liegewagenplätzen in dem D 103 ab München hatten wir verzichtet, weil wir der Überzeugung waren, die Sitze in unserem Abteil ausziehen zu können, wie es bei den modernen Fahrzeugen der Fall war. So konnte man sich selbst bei einem ausgebuchten Abteil aneinander vorbei ganz gut entgegenstrecken und etwas schlafen; stets vorausgesetzt, dass die Füße des Gegenüber gewaschen waren.

Natürlich klappt nicht immer alles so wie vorgesehen. Ich ließ meinen Fotoapparat auf einer Fensterbank der elterlichen Wohnung liegen, was sich später bitter rächen sollte. Immerhin hatte Rolf seine Kamera mit Zubehör und einem ordentlichen Vorrat an Diafilmen dabei.

Die Wagen des D 103 erwiesen sich als genau so vorsintflutlich wie die des D 456; der „Tauern-Orient“ war nun doch kein „Orient-Express“. Es waren zwar Abteilwagen in dem Zug, allerdings solche, die acht Sitzplätze beherbergten, die außerdem nicht ausziehbar waren. Das bedeutete für Rolf und für mich, dass wir über 42 Stunden im Sitzen zubringen mussten, dass an halbwegs richtigem Schlaf überhaupt nicht zu denken war.

Immerhin hatten wir in München etwas essen können. Wir hofften auf einen halbwegs leeren Zug, denn wer fährt schon mit der Bahn von Deutschland auf den Balkan? Wir rüsteten uns für die lange Reise mit einem vernünftigen Vorrat an Zigarren und etwas Rotwein aus und verließen pünktlich auf die Minute mit einem restlos ausgebuchten D 103 den Münchener Hauptbahnhof in Richtung Österreich, Jugoslawien, Bulgarien und Griechenland nach Istanbul. Unser Achtplatzabteil mussten wir mit sechs in Urlaub fahrende Türken teilen, wie auch der Rest des Zuges überwiegend in türkischer Hand zu sein schien.

An Essbarem hatten wir nichts mitgenommen, denn das Frühstück wollten wir in Belgrad zu uns nehmen. Dort sollte unser Zug von 8.18 Uhr bis 9.18 Uhr eine Stunde Aufenthalt haben. Wegen einer Verspätung, die wir uns nachts irgendwo zwischen Ljubljana und Zagreb wegen einer qualmenden Achse eingehandelt hatten, wurde jedoch nichts aus dieser großen Pause. Bis auf einen Zeitungsstand waren außerdem wegen der frühen Morgenstunden dieses Sonntags im Hauptstadtbahnhof Jugoslawiens alle Geschäfte geschlossen. Allerdings konnten wir Ansichtskarten schreiben.              

  Poststempel Belgrad 1966 Poststempel der Karte: Beograd 28.VIII. 66

Die Zigarren waren gut, machten aber nicht satt. Das besorgten unsere türkischen Mitreisenden, die mit inniger Fürsorge aus jedem einzelnen Wagen zu uns kamen und uns Essen und Getränke brachten: Tomaten- und Fleischsalate, Säfte, Gebratenes, Obst und Brot. Freigebig überreicht mit einem freundlichen, warmherzigen Lächeln.

Wir sangen auf dem Seitengang tanzend gemeinsam Lieder zu einem tragbaren Plattenspieler, auf dem meistens eine Schallplatte mit dem Titel „Tourist“ lief. Das Lied schilderte die Situation eines türkischen Gastarbeiters, der unter dem Vorwand Tourist zu sein, nach Deutschland einreisen wollte, was aber bei der Grenzkontrolle auffiel. „Tourist“ war mithin der Refrain der ihn abweisenden Grenzbeamten und offenbar der Megasong der türkischen Hitparaden. Und wiederholt mussten wir jedem unserer liebenswürdigen Gastgeber erklären, warum wir bei ihnen im Zug waren, wo es für uns „reichen Deutschen“ doch das Flugzeug gäbe... So waren wir die Exoten in diesem Zug. Wir hatten während der Fahrt eine herrliche Zeit gehabt, die wir nie vergessen werden.

Die Landschaften der Balkanländer links und rechts der Bahnstrecken zeigen überwiegend gebirgige, schroffe Zonen, die hin und wieder von fruchtbaren Gebieten unterbrochen werden. Entlang der üppigen, kurvenreichen Flusstäler schlängelt sich der Zug langsam dahin, jeden Schienenstoß mit lautem Geklapper scheinbar unendlich oft zu genießen. Auf den Feldern steht die erntereife Frucht. Mühevoll quält sich der „Tauern-Orient“ durch die Hitze des Tages und die Einsamkeit der dunklen Nacht dem südöstlichen Ende Europas entgegen.

Das Treiben auf den Bahnhöfen ist überall gleich. Je weiter man in Richtung Süden fährt, um so mehr gewinnt der Bahnhof an Bedeutung als Zentrum des Lebens, als Treffpunkt und Ereignisort. Wenn der internationale Zug - immerhin ein Nachfahre des berühmten Orient-Express’ - einfährt, versammeln sich die Neugierigen, schauen, staunen und begutachten still. Andere empfangen laut und mit Freude oder verabschieden mit Wehmut Gäste. Manche wittern ein schnelles Geschäft und bieten an den geöffneten Zugfenstern laut preisend in unverständlicher Sprache hastig ihre Waren feil. Flüchtig begegnen sich Blicke Fremder. Ungeduldige Kinder zerren an den Armen ihrer Mütter. Irgendwo kreischen die Bremsen eines Zuges und Lautsprecher kündigen Wichtigkeiten an; eine Trillerpfeife morst Kommandos durch die vor Hitze flirrende Luft. Uniformierte stellen hahngleich selbstbewusst das Gepränge ihrer Kleidung zur Schau. Pralles Leben! Wenn die Türen geschlossen sind und der Zug sich mit der schnaubenden Dampflok schleppend und widerstrebend in Bewegung setzt, entfernen sich gemächlich jene, die gekommen waren, um einen Blick auf die fremde Welt zu werfen. Auf dem Bahnhof kehrt das normale Leben wieder ein, die Leute gehen davon - bis zum nächsten Tag. Die Fenster der Waggons werden zögernd wieder geschlossen. Nachdenklich fahren die Reisenden davon, hinaus in die Ferne, einer anderen Station entgegen. Es kehrt auch in den Abteilen wieder Ruhe ein.Gewinn des Weges durch Verlust an Zeit...

Die ersten überschäumenden Stunden sind längst vorbei. Städte wie Belgrad und Sofia sind hinter unseren roten Schlussleuchten verschwunden. Die Fahrt scheint endlos zu dauern. Tiefe Mattigkeit greift um sich. Ein jeder versucht auf seine Art, Schlaf und Entspannung zu finden: lang auf dem Seitengang ausgestreckt, gekrümmt auf dem Boden des Abteils liegend, in den Polstern der Sitze sich krümmend, unbewusst den Kopf stützend an eine fremde Schulter gelehnt. Jeder auf seine Art.

Zum Morgengrauen hat der Rhythmus des Zuges die Reisenden wieder geweckt. Es wird sich gereckt und gestreckt; die geschundenen Gliedmaßen verlangen nach Sauerstoff. Gähnend schauen die Opfer der Nacht aus verquollenen Augen orientierungslos in den Dunst des frühen Morgens. Erste Zigaretten qualmen und Gesprächsfetzen werden laut. Die Stimmung steigt, es wird gescherzt. Botenstoffe haben Geist und Körper signalisiert, dass bald Istanbul erreicht wird. Ziel oder Etappe? Schon lange vorher kündigt sich vorbeifliegend das Herannahen dieser Metropole an. Zuerst erscheinen Hütten, teils aus Wellblech, teils aus metallenen Reklametafeln oder Brettern gefertigt; dieses sind die Unterkünfte derer, die gewohnt sind, am Rande einer Stadt und einer Gesellschaft ihr Dasein zu fristen. Nur zögerlich, nach etlichen Kilometern erst, verschwinden diese elenden Behausungen und Häuser erscheinen und das Meer aus Stein kündigt die große Stadt an. Erstmals gelingt es uns, einen kurzen Blick auf ein Stück Küste zu werfen.

 Die Batterien des lärmenden Plattenspielers hatten bereits nach einigen lauten Betriebsstunden noch in Österreich die Energiezufuhr unwiderruflich eingestellt. Es wäre sonst für Rolf und mich genau jetzt der Anlass gewesen, noch einmal dem Lied von dem Touristen zu lauschen, mit unseren lieben Mitreisenden zu singen, um uns auf das vorzubereiten, was uns unmittelbar bevorstand: Die Ankunft als Touristen in der Weltstadt Istanbul.

 

Unter diesen Schaltflächen befinden sich die Fahrplandaten:

     Der Fahrplan      Haltbahnhöfe D 103      Haltbahnhöfe D 102     Kursbuchtabelle D 3

 Kursbuchtabelle   1b

 

 2. Kapitel

     Istanbul

Istanbul, die Stadt am Goldenen Horn, wie Rom auf sieben Hügeln errichtet, im Laufe seiner langen Geschichte mit sieben Namen versehen: Byzanz, Konstantinopel, Istanbul, Nova Roma, Zarigrad, Anthusa, Dar el-Saadat.

Man trifft hier auf eine reizvolle Mischung von Abendland und Morgenland, Modernem und Archaischem, Orient und Okzident. Wir lesen die lateinischen Inschriften der Wörter an Straßen, Plätzen und Häusern, wir hören eine Sprache und verstehen nichts, kein einziges Wort. Eine Quelle des Türkischen liegt im Arabischen.

Nachdem der „Tauern-Orient“ nach über 44 Stunden Fahrt mit schreienden Bremsen in der Halle des Bahnhofs Istanbul-Sirkeci angehalten hat, verlassen wir ihn unsicheren Schrittes, wie Seemänner, die nach langer Fahrt erstmals wieder festen Boden unter den Füßen spüren. Anhand des Hotelführers und des Stadtplans ist die Richtung zu unserer nahe gelegenen Unterkunft schnell ausgekundschaftet und zurückgelegt. Das Hayyam-Hotel hatten wir uns für eine Übernachtung ausgesucht. Schnell etwas frisch gemacht und die Kleidung gewechselt! Wichtig ist, jeglichen Blickkontakt mit dem lockenden Bett zu vermeiden, denn wir haben seit fast 60 Stunden kaum geschlafen und sind todmüde. Es ist tags und heiß und die prächtige Stadt lockt mit ihren unzähligen Sehenswürdigkeiten, da muss der Schlaf noch etwas warten!

Die meisten historischen Gebäude sind vom Bahnhof Sirkeci aus sehr gut zu Fuß zu erreichen. Auf einer Fläche von ungefähr drei mal zwei Kilometer konzentrieren sich hier in Bahnhofsnähe die Highlights der Stadt.

Wir machten uns auf, den Basar zu besichtigen. Dort wollten wir auch etwas essen. Der Basar ist ein unüberschaubarer Ort, eine kleine, fremde, endemische Welt für sich, voller ungewohnter Gerüche und Geräusche. Es ist hier nicht so heiß wie in der Stadt. Viele Kilometer ziehen sich die überdachten, halbdunklen Straßen und Gassen wie in einem Labyrinth kreuz und quer dahin. Die Geschäftsmänner sitzen geduldig auf ihren Teppichen oder Stühlen in oder vor ihren offenen Läden, beobachten wachsamen Blicks, bieten an, wägen ab, rauchen Zigaretten oder nuckeln an Wasserpfeifen, reden und trinken Kaffee. Schaulustige drängeln sich. Bahnt sich ein Geschäft an, so stehen die Verkäufer jedem Besucher mit ihren goldenen oder silbernen Waren, den Edelsteinen und Teppichen, dem Hausrat und den Lebensmitteln, der Kleidung aus Stoff, Seide oder Leder und den bunten, zu Türmen gehäuften Süßigkeiten und den betörend duftenden Gewürzen bereitwillig zur Verfügung.

Ein Tabakladen bietet Meerschaumpfeifen an. Man zeigt Interesse, bekommt einen Mokka oder Tee angeboten; das Geschäftliche kann warten. Zuerst wird Freundschaft aufgebaut. Weltgewandt stimmt der Händler in das Wörtergeflecht unterschiedlichster Sprachen ein, Babylon scheint ihm fremd zu sein. Alltägliches wird debattiert und auf Deutsch nach dem Woher und Wohin gefragt. Almanya? Anerkennendes Nicken: „Gut!“ Erst langsam nähert man sich schlangengleich und vorsichtig dem Grund der Anwesenheit und den Objekten der Begierde. Der Verkäufer will möglichst viel von dem Geld des Kunden, der Käufer möchte die Ware tunlichst gratis haben. Dazwischen steht wie ein schwebender Ballon der Preis. So kam es, dass wir hier nach vielem Zerren an der Ballonschnur unsere schönen Meerschaumpfeifen erstanden. Wir haben natürlich gehandelt, wie es sich auf einem Basar gehört, und wir waren stolz auf den letztendlich erzielten Kurs. Der Händler gab uns jedenfalls das Gefühl, als Sieger aus diesem ungleichen Wettbewerb hervorgegangen zu sein.

Wir kehrten irgendwo innerhalb des Basars ein und genossen reichlich von den orientalischen Gaumenfreuden: Hammelfleisch mit Reis und Imam Bayildi (Rezept im Kapitel 8) und viele süße, unbekannte Sachen. Hiernach weihten wir bei einem Glas Wein unsere neuen Pfeifen ein und beendeten so zufrieden und erschöpft unseren ersten Tag in der Stadt auf den sieben Hügeln. Wir kehrten in unser Hotel zurück und konnten endlich schlafen, schlafen, schlafen...

 3. Kapitel

     Die Busfahrt nach Izmir

Nun will ich an dieser Stelle etwas einflechten, was für Sie, liebe Leserin und lieber Leser nicht so wichtig ist, der Vollständigkeit halber aber nicht verschwiegen werden soll. Unser Plan war, nach dem Ausschlafen mit einer Rundreise durch die Türkei zu beginnen. Wir wollten über Ankara, Kayseri und Adana und an der Küste der Ägäis hoch wieder nach Istanbul reisen, unterwegs an Sehenswürdigkeiten möglichst oft die Fahrt unterbrechen, um auf diese Weise vieles von dem Land zu sehen. Rolf und ich waren von der großen Hitze aber derart überwältigt und von den vergangenen Strapazen noch so sehr mitgenommen, dass wir unseren Plan auf der Stelle aufgaben. Wir disponierten um, befragten unseren Hotelführer nach schönen Orten und günstigen Hotelpreisen und entschieden uns, nach Kusadasi zu fahren, einer kleinen Stadt an der Küste, südlich von Izmir, nicht weit von Ephesus entfernt.

Die Abfahrt des Busses nach Izmir, dieses sagte man uns im Hotel, war um 11.00 Uhr von einer „Otobüsleri“, einer modernen Karawanserei, auf dem asiatischen Teil Istanbuls vorgesehen. Die exakte Lage des Busbahnhofs war uns nicht bekannt. Wir wollten ihn mit Hilfe des Stadtplans finden.

Rechtzeitig standen wir unausgeschlafen auf und nahmen nach einem hastigen, kargen Frühstück eine Fähre, die uns über das Getümmel des Bosporus’, der Meerenge, die Europa und Asien umspült, brachte und uns an irgendeiner Anlegestellte absetzte. Hier bemerkte Rolf, als er ein Foto von dem Seeweg und der Vielzahl wild durcheinander fahrender Boote und Schiffe machte, dass der UV-Anteil der Luft sehr hoch sei und dass er bei den künftigen Aufnahmen lieber den UV-Sperrfilter vor die Optik setzen wolle. Wie sich später herausstellte, war das eine fatale Entscheidung.

Wir waren in Asien!

Bosporus, 1966© Rolf Eichler

Waren wir mit der Fähre in Üsküdar oder Harem gelandet? Unser Stadtplan half uns nach der Suche des Busbahnhofs nicht weiter. Als wir im Begriff waren, uns in der heißen Stadt grandios zu verlaufen, kamen wir auf die treffliche Idee, einen vorübereilenden Passanten nach dem Weg zu fragen. Mit Englisch hatten wir wenig Erfolg bei ihm, konnten uns aber mittels der Schlüsselworte „Izmir“ und „Otobüsleri“ und gut gespielter Ratlosigkeit hinreichend verständlich machen. Der Angesprochene, in einem sauberen, kurzärmeligen Hemd und Krawatte, einen Aktenbündel unter dem Arm geklemmt und offenbar in Eile, verstand und bedeutete uns mit seinem freien Arm die Richtung. An jeder Schilderung einer Abbiegung knickte sich ein Teil seines Armes in die entsprechende Richtung um – er war ein orthopädisches Wunder, eine menschliche Gelenkwelle. Wir waren von seiner Akrobatik derart fasziniert, dass die wortreiche Wegbeschreibung völlig an uns vorbei ging, zumal sie in Türkisch vorgetragen wurde. Als die Knickfähigkeit des Arms keine weitere Abbiegung mehr zuließ und er uns anschaute, resignierte er, sah zum Himmel und geleitete uns innerhalb der nächsten 20 Minuten raschen Schrittes quer durch die vor Hitze glühende Stadt zu unserem passenden Schalter und zu unserem richtigen Bus. Wir hatten mit dieser spontanen Fürsorge nicht gerechnet und waren sehr angenehm überrascht. Unwillkürlich glitten unsere Gedanken ab in unsere Heimat und zu unserem Verhalten Fremden gegenüber. Der gute Mensch verabschiedete sich Hände schüttelnd von uns und ging eilends seines Weges.

Neun Stunden und fünfundvierzig Minuten sollte nach der Straßenkarte der Türkei die Reisezeit von Istanbul bis Izmir betragen. Für 605 Kilometer über gut ausgebaute Straßen eine angemessene Zeit, die wir zu akzeptieren hatten. Die geschätzte Ankunft konnten wir also auf etwa 21.00 Uhr festlegen. Die Leute im Schalter hüteten sich aber – nun merkten wir, wir waren in einem anderen Kulturkreis – irgendwelche konkreten Angaben hinsichtlich der Ankunftszeit zu machen. Vieles könne geschehen, gab man uns zu bedenken, Regen könne die Straßen unpassierbar machen, ein Defekt den Bus außer Betrieb setzen, der Fahrer erkranken und Allah... So oder so ähnlich lauteten die Auskünfte. Selbstverständlich gebe es einen Fahrplan, aber.... Inshallah!

Tatsächlich führten erklärliche und unerklärliche Phänomene zu einer Fahrzeit von 16 Stunden. Da hat man noch etwas von seinem Fahrschein.

Der betagte Bus, in dem Teile des Motors unter Abdeckhauben in der Fahrgastkabine montiert waren, bot uns genug Platz, um die Beine auszustrecken und auf eine angenehme Fahrt zu hoffen. Wir brauchten nicht zu frieren, denn von oben schweißte die Sonne Hitze auf uns herab und von vorne wärmte uns der Motorblock. Die Luft flimmerte als wir die Stadt verließen. Unsere Reisetaschen waren in dem Gepäcknetz über unseren Köpfen verstaut. An den Haltestellen gab es den üblichen Wechsel an Fahrgästen. Gelegentlich schauten auch einige Passagiere mit Hühnern vorbei. Richtig voll wurde der Bus aber nie. Die Mitreisenden suchten sofort den Kontakt zu uns oder signalisierten mit wohlwollenden Blicken stumm ihre Sympathie. Hier in der Abgeschiedenheit trafen wir Menschen, die uns herzlich zugetan waren und immer wieder die alte deutsch-türkische Freundschaft hervorhoben. Einer unserer Mitreisenden deklamierte in fehlerfreiem Deutsch Goethe und Schiller. Unser Fahrer, ein hühnenhafter Kerl um die Dreißig mit kantigem Gesicht, niedriger Stirn und kurz geschorenen Haaren - sicher ein Nachfahre der Hethiter - blieb uns bis Izmir treu. Er hatte sein Möglichstes getan, uns die Fahrt abwechslungsreich zu gestalten. Er fuhr den Bus nicht, er ritt ihn. So jedenfalls sah es von unseren Plätzen aus, wie er auf der Kante seines Sitzes, die er nur mit der Unterseite seiner Schenkel knapp berührte, hockte und mit halb zugekniffenen Augen durch das Fenster nach vorne blickte und lenkte und das kariöse Getriebe peinigte.

Vermutlich um die Fahrzeit zu verkürzen oder einem Kunden einen Gefallen zu erweisen, nahm er mit unserem Linienbus hinter Bursa nicht wie vorgesehen die gut ausgebaute Hauptstraße geradeaus durch die Sümpfe nach Karacabey, sondern fuhr links über eine kaum befestigte Makadam-Straße in Richtung Mustafa Kemalpasa. Auf unserer Karte war dazu „Karawanenweg, nur in Trockenzeiten beschränkt benutzbar“ eingetragen. Nun, ja, der Fahrer ist hier zu Hause, weiß in der Ödnis Bescheid und kennt die Strecke bestimmt sogar im Schlaf. Wir Touristen sollten nicht immer so naseweis sein! Was wissen wir schon?

Irgendwann verlor sich jedoch der staubige Fahrweg, er endete auf einem Bauernhof. Schluss! Unser Vehikel stand, es ging nicht weiter! Umkehren?

Ein paar neugierige Menschen kamen irritiert aus dem Gehöft und von den Feldern nebenan und bestaunten das Fahrzeug und uns.

Wolfsähnliche Hunde liefen verstört umher und heulten Furcht erregend.

Es gab ein großes und lang anhaltendes Palaver zwischen den Bauersleuten und dem Fahrer. Auch unsere Mitleidenden diskutierten untereinander lebhaft und laut, während Rolf und ich die Ereignisse interessiert und mit nahezu asiatischer Gelassenheit registrierten. Mit sorgsam gedrosselter Geschwindigkeit überquerten wir nach einer Weile unter dem Dirigat des Bauern einen Hühnerhof, durchfuhren vorsichtig einen mit brackigem Regenwasser gefüllten Bach und kamen irgendwann nach langer Schleichfahrt wieder auf eine staubige Piste und später, bei Belikesir, auf die richtige Straße. Gerade noch rechtzeitig, denn nun wurde es dunkel.

Ach, welch weise Propheten doch in dem Schalterhäuschen in Istanbul saßen!

Kurz nach Belikesir gab es sogar die in Aussicht gestellte Panne! Eine Bremsleitung hatte sich gelöst. Der Fahrer war aber in der Lage, diesen Schaden mit Hilfe des Schnürsenkels eines seiner Turnschuhe behelfsmäßig zu richten. Er musste jedoch alle paar Minuten den korrekten Sitz des Senkels überprüfen und ihn gelegentlich neu justieren. An der nächsten Tankstelle kümmerte man sich um den Schaden. Zwischenzeitlich war es Mitternacht und wir waren müde; der lange Tag neigte sich dem Ende zu. Um 3.00 morgens fielen wir wie besinnungslos aus dem Bus und widmeten uns im Efes-Hotel zu Izmir der Nachtruhe.

 

 

4. Kapitel

    Von Izmir nach Kusadasi

Nach einem festen Schlaf und einem späten und guten Frühstück, dem ersten seit Tagen, verließen wir das „Efes-Hotel“ und begaben uns zu dem in der Nachbarschaft liegenden Busbahnhof, denn unsere Reise war in Izmir nicht beendet. Wir waren gegen 11.30 Uhr an der Otobüslerie, und der Bus nach Kusadasi sollte um 13.30 Uhr abfahren. Uns standen folglich zwei Stunden zur Verfügung, in der wir uns ein wenig die Stadt anschauen konnten. Schon auf den ersten Blick machte Izmir, das alte Smyrna und Heimat des Homer, einen gepflegten Eindruck auf uns. Von diesem Ort wollten wir mehr als nur die Busstation sehen. Ausländische Touristen waren kaum unterwegs, denn es war 1966. Auf dem Busbahnhof war die übliche emsige Geschäftigkeit. Busse fuhren qualmend unter lautem Hupen und nagelndem Gediesel ab und kamen an. Menschen liefen hin und her, hunderte waren in der Hitze auf den Beinen, um sich auf den Weg zu einem neuen Ziel zu machen. Wir standen etwas verloren und unzufrieden in dem Gedränge herum, wollten etwas Sightseeing machen, und uns störten die Reisetaschen, die wir bei uns hatten. Ärgerlich! Wohin damit? Eine Gepäckaufbewahrung gab es nicht. Und bei der Glut wollten wir die Taschen auch nicht durch die Gegend schleppen. Es kam ein Junge auf uns zu, etwa 12 oder 13 Jahre alt. Er gab uns zu verstehen, dass er auf unser Eigentum achten werde, wir sollten beruhigt gehen. Ha! Aber nicht mit uns! Für wie naiv hält der uns eigentlich? Warum ist der Junge nicht in der Schule? Will hier herumstehen und uns bestehlen!? Wir gehen und er verschwindet? Andererseits, so tauschten Rolf und ich uns aus, machte er einen ordentlichen Eindruck. Würden wir ihn beleidigen, wenn wir seine Dienstleistung nicht annähmen? Hatten wir Schätze in unseren Behältnissen? Gewiss nicht. Etwas Wäsche, ein altes Kofferradio, Rei in der Tube, eine Decke und Hosen..., ein eventueller Verlust wäre nicht erheblich gewesen. Also gut, Mut zum Risiko! Wir zeigten dem Knaben an, dass wir in etwa anderthalb Stunden zurück sein würden und gingen fort – bis zur nächsten Straßenecke. Von dort aus beobachteten wir ihn eine Weile, wie er dort stand und auf unsere Gepäckstücke achtete. Er rührte sich nicht vom Fleck. Voller Unruhe unternahmen wir eine Fahrt mit einer Pferdedroschke, die man in Wien „Fiaker“ nennt. In gemütlichem Trab ging es über die Straßen bis zur Uferpromenade hinunter und sehr langsam wieder retour. Schon nach etwa einer Stunde kamen wir zurück an die Otobüsleri – und der Bursche und die Taschen waren weg! Ja, ja, ja, so hatte es kommen müssen!, warfen wir Naivlinge uns zornig vor. Irgendwie war das ja abzusehen. Alle Klamotten futsch! Wir Blödmänner! Der Junge aber hatte sich wegen der Hitze nur ein wenig in den Schatten zurückgezogen. Als er uns nahen sah, übergab er uns mit einem freundlichen Mienenspiel die Reisetaschen. Wir fragten ihn, wie viel Lira er von uns erwarte. Er lehnte sofort jegliches Bakschisch entschieden ab und wehrte sich mit uns entgegenstreckten Handflächen, als wir ihm etwas Geld in die Hände stecken wollten. Er verabschiedete sich von uns, ging unbezahlt fort und ließ uns höchst nachdenklich und beschämt zurück. Natürlich fehlte von unserer Habe nichts.

Die restlichen fünfundneunzig Kilometer legte der Bus in zwei Stunden ohne Zwischenfälle zurück, vorbei an Flecken absoluter Weltkultur. Pünktlich kam er in dem idyllischen Ort Kusadasi an, in dem sich heutzutage während der Saison täglich zigtausend Touristen aufhalten. Wir wollten uns dieses beschauliche Städtchen an einem anderen Tag ansehen. Die letzten zehn der dreieinhalbtausend Kilometer brachten wir in einem flotten Rutsch mit einem Taxi hinter uns. Um 15.30 Uhr, nach einer Reisezeit von über 104 Stunden, war unsere Fahrt von Gelsenkirchen in die Türkei am Emek Palas-Oteli, direkt an dem Strand Kadinlar Plaji, den man heute werbewirksam „Ladies Beach“ nennt, beendet.

 

5. Kapitel

    Hotel und Strand: Thema mit Variationen

"Emek Palas-Oteli" - Palast-Hotel - welch grandiose Übertreibung! Es handelte sich hierbei um ein zweigeschossiges, sehr spartanisch eingerichtetes, einfachstes Nullsternehotel mit einem kleinen Swimmingpool. Unser weiß getünchtes, winziges Zimmer enthielt nur einen kleinen Schrank, zwei schmale Betten und einen wackeligen Stuhl. Ansprüche stellten wir nicht, denn der Preis war für ein Strandhotel niedrig und ließ daher kein Begehr auf Komfort zu. Außerdem hinterließ unsere Adresse auf den Ansichtskarten einen hervorragenden Eindruck. Es waren außer uns nur wenige Gäste, die auch nur immer eine sehr kurze Zeit blieben, in dem Hotel. Unmittelbar ihm gegenüber lag der Strand. Um zu ihm zu gelangen war nur die schmale Küstenstraße, die unweit von hier endete und deshalb kaum befahren war, zu überqueren. Der kleine Sandstrand an der sichelförmigen Bucht war vielleicht 200 Meter breit. Links und rechts daneben kamen kurze felsige Abschnitte, die wiederum von senkrechten Klippen begrenzt wurden. Etwas weiter hinter der südlichen Klippe befand sich noch eine winzige, einsame Sandbucht, die Rolf später die "Bucht der Pinseläffchen" nannte. Unser Strand wurde regelmäßig mit Seegras und Tang überspült. Wenn die Flut sich zurückzog trocknete rasch das struppige Grün und es roch nach Meer und nach Leben und Tod. Hinten am Horizont war deutlich die Silhouette der griechischen Insel Samos zu sehen. An manchen Abenden ging an dieser Stelle die Sonne mit rot glühendem Spektakel unter und tauchte alles in ein wunderschön warmes Licht. Am Rande der Straße und unmittelbar am Strand befand sich eine zementierte Fläche, darauf waren ein paar kleine Tische und Stühle verteilt. Gegen Sonne und Regen schützte ein abschüssiges Wellblechdach. Auf der offenen Feuerstelle eines eisernen Herdes wurden Kleinigkeiten zubereitet, und ein großer Kühlschrank beherbergte gekühlte Getränke zum Wohlsein der wenigen Gäste. Das war unser Strandlokal.
Außer dem Palast-Hotel des Herrn Emek befanden sich noch zwei, drei kleine Pensionen in der Nachbarschaft. Kleine Wohnhäuser verloren sich an der Straße und verteilten sich großzügig hinter niedrigem Gebüsch bis hinauf zu den Erhebungen, von denen man einen schönen Blick über das Dorf, den Strand und das Meer hatte. Dieses war nun für ein paar Wochen unsere kleine Welt, denn ringsherum gab es außer schöner Aussicht, vertrocknetem Gras, dürrem Buschwerk, Fels und ein paar Bäumen nichts. Doch! Etwa eine halbe Fußwegstunde querfeldein südöstlich befand sich in der hügeligen Landschaft eine verlassene, windschiefe Hütte aus altersgebleichtem Holz, neben der auf dem Boden ein leerer Benzinkanister mit der Prägung "Deutsche Wehrmacht" lag. Bestimmt gehörte er einmal zu dem Bus, der uns von Istanbul nach Izmir transportiert hatte. Gelegentlich verließen wir unser Refugium und verbrachten einen Tag in der Stadt Kusadasi, in Izmir oder in Ephesus. Einmal waren wir sogar zu einer Tasse Tee in das Haus Einheimischer eingeladen worden. Dort saßen wir gemeinsam auf der Dachterrasse, verständigten uns mit Händen und Füßen und bemühten uns artig, unseren Gastgebern im Schlürfen des Tees in nichts nachzustehen.

Wenige Deutsche waren hier in der Gegend: Lilo und Arnold aus Hamburg waren mit dem Auto gekommen; zwei Jurastudenten aus Süddeutschland, die kaum ihr Zimmer verließen und unentwegt Gesetzestexte büffelten; eine ältere Frau, die die Angewohnheit hatte, während der Dunkelheit nackt zu baden. Obendrein waren zwei Mädchen aus Wiesbaden da, in die wir uns verknallten.

Den Strand brauchten wir uns also nicht mit vielen Menschen zu teilen; meistens hatten wir ihn nur für uns. Wir breiteten nach unserem Frühstücks-Menemen (Rezept siehe Kapitel 8) unsere Decken aus - Strandliegen gab es nicht -, wateten wie Störche durch das Seegras, schwammen viel in dem warmen Wasser des seichten Gestades, lasen, rauchten, dösten, schmiedeten Pläne, tranken Wasser, verbrannten uns die Haut und warteten auf den Abend. Dieses war die Grundstruktur unseres Strandlebens.

Es gab aber Variationen, die auf die oben dargestellte Grundstruktur aufsetzten.

Wenn sich Einheimische zu uns gesellten, was oft vorkam, dann wurde Weltpolitik gemacht. Wenn dann im weiteren Verlauf des Tages der Blick unserer türkischen Freunde in Richtung des griechischen Samos' schweifte und sich verfinsterte wussten wir bald, was für ein Ritual unausweichlich folgen würde: Jemand würde nach Bier und Raki schicken. Ein paar hastige Schlucke aus den Gläsern und schon liefen die Männer ans Ufer des Meeres und fuhren mit einer fahrigen Bewegung die waagerecht ausgestreckten Hände dicht an ihre Kehlen und riefen laut aus: "Makarios! Ritz, ritz!" Das war sinnbildlich dafür, dem verhassten Erzbischof von Zypern, Makarios, die Kehle durchzuschneiden. Anschließend wurde dem englischen Königshaus der Garaus gemacht. Den Menschen war nach diesem Ausbruch leichter zu Mute. Es folgte die Beteuerung der deutsch-türkischen Freundschaft und es wurde an das gemeinsame Bündnis vergangener Zeit, den ruhmreichen Kemal Pasa, den sie Atatürk nannten, und Kaiser Wilhelm II. erinnert. Zwischenzeitlich war dann auch schon die zweite Flasche Raki geleert und manchmal wurde nach einer weiteren geschickt. Das war die erste Variation.

Die zweite Variation war die Anwesenheit der Mädchen aus Wiesbaden. Wegen ihrer lustigen Zöpfe wollen wir sie "Pinseläffchen" nennen. Dann gab es keinen Raki, sondern roten Sekt, den wir gemeinsam, manchmal auch an der kleinen Bucht südlich der Klippe tranken. Ungefragt erhielten Rolf und ich zum Frühstück am nächsten Morgen im Strandlokal eine extragroße Portion Menemen zum selben Preis.

Die dritte Variation schlug dem Fass den Boden aus. Glücklicherweise ereignete sie sich nur einmal. Rolf und ich hatten gerade die Variation Nr. 1 bis zur Beschwörung der deutsch-türkischen Freundschaft durchlebt, als mit rutschenden Reifen Sand aufwirbelnd auf dem Strand der Polizei-Jeep hielt. Aufregung! Was ist los? Ich wartete auf das Wort "Mahkûmsunuz" und schaute wahrscheinlich so verwirrt, wie seinerzeit der vortreffliche Peter Ustinov als Arthur Simpson in dem Film "Topkapi". Wir hatten nichts Unrechtes getan. Hasch gab es zu dieser Zeit hier nicht; erst 3000 km weiter östlich, in Afghanistan. Wir hatten uns nichts vorzuwerfen. Mahkûmsunuz! Sie sind verhaftet! Aber warum nur? Wir tasteten unbewusst nach unseren Pässen. Vier bewaffnete Uniformierte stiegen aus, sahen uns prüfend an, bewegten sich langsam auf uns zu und senkten mehr und mehr ihre Blicke verlangend.... auf unseren Raki. Mit Handschlag wurden Rolf und ich von ihnen wie alte Bekannte begrüßt. Ohne zu fragen setzten sie sich zu uns auf die Decken, tranken von dem Bier und dem Schnaps und holten mehr. Andere Türken gesellten sich zu uns. Das war ein Gelage! Makarios und Elizabeth mussten mehrfach ihr Leben lassen. Der Oberleutnant, Vorgesetzter seiner Mannschaft, schickte unentwegt nach Bier und Yeni Raki. Uns konnte das nur recht sein, denn wir brauchten nichts zu bezahlen. Wir prosteten uns zu, umarmten uns und tranken Brüderschaft. Es war dunkel, wir waren blau. Wie hatten wir uns eigentlich verständigt? Ein rudimentäres Englisch beherrschte nur der Offizier. Wie üblich verwässerte unter Alkoholeinfluss die Sprache mehr und mehr in Richtung Gestik, die Zunge verwandelte sich gleichsam in eine Wolldecke. Und so entwickelte sich auch bei uns im Laufe der Nacht das bekannte Phänomen: je weniger man verstand, um so besser verstand man sich. Das einzig vernünftig artikulierte war der Schluckauf. Ewige Verbrüderung war angesagt, Freundschaften wurden beschworen. Und das wurde mit weiteren Schlucken aus der Flasche besiegelt. Taumelnd wankten gegen Mitternacht die Polizisten zu ihrem Jeep und luden Rolf und mich ein, jetzt das Gefängnis von Kusadasi zu besichtigen. Weil einer der Polizisten ständig wegen seiner Trunkenheit in den Sand fiel, wurde Rolf vom Oberleutnant dazu bestimmt, die Maschinenpistole dieses Mannes zu tragen. Sternhagelvoll fuhren wir mit dem offenen Jeep im Zickzack in Richtung Kusadasi. Unterwegs übergab ich mich einmal aus dem fahrenden Fahrzeug. War mir schlecht! In meinem Kopf übte sich jemand in der Disziplin des Hammerwurfs.

Die Führung durch den Knast kann ich heute nicht mehr in Details darstellen. Zu sehr sind diese Stunden wie in einem dichten Nebel verschwunden. Gefangene habe ich jedenfalls nicht gesehen. Ich weiß auch nicht mehr, wie und wann wir irgendwann im Morgengrauen zu unserem Hotel zurückgefunden haben. Die großen Augen der wachhabenden Polizisten sehe ich aber heute noch deutlich vor mir, als sie die seltsam schwankende Truppe und den mit einer Maschinenpistole bewaffneten Zivilisten in ihrem Revier sahen. Am folgenden Tag waren Rolf und ich fürchterlich verkatert und lebten sittsam im Rahmen der Grundstruktur, allerdings ohne Frühstück, dafür mit kalten Umschlägen und dem Schwur, nie wieder Alkohol trinken zu wollen.

Die vierte Variation gab es auch nur einmal. Die Mädchen hatten sich am Vorabend in der "Bucht der Pinseläffchen" von uns verabschiedet, weil ihr Urlaub beendet war. Am nächsten Nachmittag, während der Grundstruktur, verstärkt durch ein paar Bier, bemerkten wir wohlwollend, dass unsere türkischen Freunde uns heute taktvoll in Ruhe ließen. Der lange Tag neigte sich dem Ende zu. Plötzlich war uns einsam. Wie üblich war das Meer milde gestimmt, der Himmel tauchte sich scheinbar nur für uns in ein besonders schönes Purpur. Rolf kaufte zwei Flaschen roten Sekt, wir schnappten uns zwei Stühle und setzten uns mit insgesamt 12 Beinen ins Wasser und blickten in die Ferne. Der Sekt schmeckte uns nicht; wir schwiegen uns an. Rolf holte seinen alten Weltempfänger. Nachdem er ihn eingeschaltet und ein paar Minuten den Äther nach Musik durchstöbert hatte, hörten wir deutlich und klar Mozarts Klarinettenkonzert in A-Dur. Wir lauschten den genialen Klängen, sahen gedankenverloren, wehmütig und schweigsam in den Horizont und beobachteten das Farbenspiel am Firmament. "Die goldene Spur war aufgeblitzt, ich war ans Ewige erinnert, an Mozart, an die Sterne" (Hermann Hesse). Und wir gingen erst, als uns längst die sternenklare Nacht mit ihrem samtweichen Tuch umhüllte - vorbei an unseren schweigsamen, weisen Freunden.

 

 

6. Kapitel

    Ephesos - Ephesus - Efes

Ich schreibe an dieser Stelle über Ephesus, das ist die römische Schreibweise, nicht, weil ich die Geschichte dieser historischen Stätte neu aufrollen möchte. Auch will ich nicht das Wissen von Reiseführern, Prospekten oder Büchern abschreiben und als eigenen Text ausgeben. Alle Gelehrten sind sich über die Bedeutung der Stadt und deren Wert für das heutige Europa und für die Entwicklung des Christentums einig. Mein Anliegen ist, Ihnen zwei Bücher zu empfehlen, die die Stadt Ephesos, das ist die griechische Schreibweise, und die gesamte Region hervorragend und sehr unterhaltsam beschreiben. Es sind "Frühe Stätten der Christenheit" und "An den Küsten des Lichts" von Peter Bamm.

Wie immer war es sehr heiß, auch als wir unseren Ausflug in das nahe Ephesus unternahmen. Am Vorabend (Variation 1) hatten unsere türkischen Freunde von unserem Besichtigungsplan erfahren. Deshalb stand morgens ungerufen ein spezielles, kostenloses Taxi für uns bereit. Es fehlte ihm die Tür vorne rechts am Beifahrerplatz. So hatten wir nicht nur eine sehr preiswerte, sondern auch eine sehr luftige Fahrt, die uns die hohen Temperaturen nicht spüren ließ. Das Taxi stand uns für den ganzen Tag zur Verfügung. So waren wir nicht auf Ephesus fixiert; wir konnten auch ein Stückchen weiter hinausfahren zu dem Wohnhaus, in dem einst Maria, die Mutter des Jesus von Nazareth, gewohnt haben und gestorben sein soll. Auch standen wir an dieser berühmten Wiese namens Asia, dort an dem kleinen Fluss, die einem ganzen Erdteil ihren Namen gegeben hat: Asien. Es ist schon erstaunlich, dass Ephesos, eine Stadt mit einer derartigen Bedeutung und einst die größte Metropole der Welt, von ihren Bewohnern aufgegeben und verlassen wird und innerhalb weniger Jahrhunderte verfallen und in Vergessenheit geraten kann. Damals war Efes, wie die Türken diese Stadt nennen, eine Hafenstadt. Heute liegt die Küste acht Kilometer weit weg.

Rolf fotografierte unseren Besuch fleißig. Aber nicht so übermäßig wie jener Bottroper, der mehr als 30 Diafilme verbraucht hatte („wegen des Schwundes“).

 

7. Kapitel

    Die Rückfahrt und das Ende der Geschichte

Unsere Fahrt zurück ging am Freitag, 17.09.66, aus mancherlei Gründen rascher als die Hinfahrt vonstatten. Wir hatten ab Izmir einen intakten Bus neuster Bauart, der für die Fahrt nach Istanbul drei Stunden weniger benötigte. Allerdings fuhr er auch nicht die „Abkürzung“ über die Prärie. Wir verzichteten sowohl in Izmir als auch in Istanbul auf eine Übernachtung, legten also die Rückfahrt von Kusadasi nach Gelsenkirchen nonstop zurück. In Istanbul nutzten wir am 18. September den sechsstündigen Aufenthalt für die Besichtigung der schönsten und wichtigsten Bauwerke. Der Zug ab Istanbul war der D 102, der aus dem selben schlechten Wagenpark wie bei der Hinfahrt gebildet war.

Am 21. September 1966, Dienstag, waren wir um sieben Minuten nach Mitternacht wieder in Gelsenkirchen; pünktlich auf die Minute - nach dreieinhalbtausend Kilometern Bus- und Bahnfahrt. Wir waren über 83 Stunden nahezu ohne Schlaf unterwegs gewesen. Irgendwie fühlten wir uns urlaubsreif.

Nach einem guten Urlaub verhält es sich häufig so, dass man schöne Erinnerungen gewinnt und Freunde zurücklässt. Wir hatten noch während unseres Aufenthalts in Kusadasi beschlossen, einst wiederzukommen. Nur hatte die Zeit etwas anderes mit uns vor. Rolf war mit seinem Studium beschäftigt, ich heiratete. Dann plante ich, Anfang der siebziger Jahre mit meiner Frau die Türkei und insbesondere Kusadasi zu besuchen - Inshallah! Dieses Vorhaben wurde durch die Geburt unserer ersten Tochter zunichte gemacht. Später ging es öfter nach Spanien und danach waren wir auf ein Jahrzehnt frankreichfixiert, später zog es uns in die ganz weite Welt. So ist es stets bei dem Wunsch einer Rückkehr zu Freunden an diesen wunderschönen Orten geblieben. Wenn ich mir heute in Reiseprospekten und im Internet die Stadt Kusadasi ansehe, bin ich beim Anblick der Bilder doch sehr schockiert. Was ist aus diesem schönen, beschaulichen Städtchen gemacht worden? Was ist aus „unserem“ Strand und seiner idyllischen Umgebung geworden? Ein Touristenrummelplatz, eine rundherum zugebaute Betonwüste! Was mag mit den Menschen geschehen sein, die wir lieb gewonnen hatten? Bestimmt werden sie nicht mehr abends nach dem ersten Raki den armen Makarios über die Klinge springen lassen (was sicher gut ist). Auch wird kein Linienbus mehr eine „Abkürzung“ über die Prärie wählen und - es würden keine „Pinseläffchen“ da sein. Ich glaube, es ist besser, mit den phantastischen Erinnerungen zu leben, als an einem Ort, den man kaum mehr kennt, vergeblich nach ihnen zu suchen. Die Enttäuschung wäre zu groß.

Die „Pinseläffchen“ sahen wir 1966 in Wiesbaden und Gelsenkirchen wieder. Danach haben sie das getan, was seit einem Jahr vertraglich fixiert war. Sie haben ihren neuen Arbeitsplatz angetreten, als Krankenschwestern in Australien. Wir haben nie wieder von ihnen gehört.

 

8. Kapitel

    Zwei Rezepte bin ich Ihnen noch schuldig:

 

    1. Imam bayildi: ("Der Imam fiel in Ohnmacht") spricht man "Imam bajelde"

         Zutaten: 1 Aubergine, 1 große Tomate, 2 EL fein gehackte glatte Petersilie, etwas frischen Basilikum, 3    Knoblauchzehen, 1 Zwiebel,

                      1 grüne Peperoni, Salz, Pfeffer, etwa 2 Tassen Olivenöl

                                           

                      Die Aubergine waschen und der Länge nach in zwei gleich große Teile schneiden.

                      Die Auberginenhaut so abziehen, dass ein dunkel-weißes Streifenmuster entsteht. Die Haut einstechen, damit Fett aufgenommen werden

                      kann. Mit einem Löffel etwas Fruchtfleisch entfernen, um Platz für die Füllung zu schaffen.

                       Mit Salz einreiben, in ein Sieb stellen und 30 Minuten abtropfen lassen. Olivenöl in eine Pfanne geben, bis der Boden reichlich bedeckt ist

                      und die Auberginenhälften von beiden Seiten bei milder Hitze anbraten, bis sie eine braune Färbung angenommen haben.

                      Danach in eine Backform legen.

                      Das restliche Öl in die Bratpfanne geben. Zwiebeln in große Scheiben schneiden und kurz anbraten.

                      Die geschälten und zerkleinerten Tomaten, den zerdrückten Knoblauch, die Petersilie, das Basilikum und die fein gehackte

                      Peperoni dazugeben. Mit Salz und reichlich Pfeffer abschmecken.

                      Kurz kochen, bis die Flüssigkeit eingedickt ist. Mit dieser Mischung die Auberginen füllen.

                      Wasser in die Backform gießen, bis der Boden bedeckt ist. Etwa 25 Minuten im Backofen bei ca. 180 Grad backen.

                      Abkühlen lassen und lauwarm oder kalt essen. Statt oder zu der Petersilie können Sie auch eine Mischung aus Basilikum, Minze und

                      Peperoni nehmen. Dazu essen wir Baguette und trinken Rotwein.

                      (Als der Imam das kostete, fiel er vor Verzücken in Ohnmacht, dieses sagt uns die Geschichte. Daher der seltsame Name.)

                    

     2. Menemen

         Zutaten: 1 große Fleischtomate, 1 mittelscharfe Peperoni, eine halbe Zwiebel, 2 Esslöffel Butter, 4 Eier, Salz, grob gemahlener Paprika.

                      Die Tomate schälen und klein schneiden. Zwiebel fein schneiden und mit der Peperoni in die erhitzte Butter geben. Wenn die Zwiebel      

                      goldgelb ist, die Tomate hinzugeben und unter Rühren ca. 10 min. lang dünsten. Salzen. Die geschlagenen Eier über die Masse geben

                      und ganz leicht verrühren. Pfanne zudecken und dünsten bis die Eier gestockt sind. Mit Paprika bestreuen. Dazu gibt es Brot und

                      heißen Kaffee.

 

     Beide Rezepte gelten für eine hungrige Person.

    

 

9. Kapitel

    Die Fotos

Anfangs berichtete ich, dass Rolf zur Erzielung besserer Resultate einen UV-Sperrfilter vor das Objektiv seiner Sucherkamera setzte. Dieser Filter blieb während des gesamten Urlaubs auf der Optik. Kann ja nicht schaden, sagten wir uns. Als Rolf die Dias von der Entwicklungsanstalt zurückerhielt, bemerkte er sofort die Unschärfe der Aufnahmen. Die genaue Inspektion des Zubehörs ergab, dass sich während des gesamten Urlaubs statt des UV-Filters eine Nahlinse vor dem Objektiv befunden hatte. Deshalb haben wir keine brauchbaren Bilder von unserem zauberhaften Urlaub in der Türkei. Nur die Erinnerung ist geblieben, die mittlerweile so verschwommen wie die alten Fotos ist. Und neuerdings gibt es diese Geschichte mit dem einzigen gelungenen Foto, das Rolf schoss, bevor er den „Filter“ vor die Frontlinse setzte. Zwar hat mir das Türkische Fremdenverkehrsamt sehr schöne Bilder zur Verfügung gestellt, auch habe ich mir die Genehmigung für die Veröffentlichung anderer privater Fotos eingeholt. Es sind aber Fotos aus der Gegenwart. Sie passen nicht in diese Geschichte. Sie bilden nicht das ab, was wir, Rolf und ich, gesehen und erlebt haben in den unvergesslich schönen Wochen des Sommers 1966.

 

© Heinz Albers, 14.06.2003; zuletzt aktualisiert 11.06.2007

 


 

Platzkarte Türkei 1966 

Meine Platzkarte (Rückfahrt Istanbul - München)

                          Freischein Jugoslawien 1966                 Freischein Bulgarien 1966                  Freischein Griechenland 1966                   Freischein Türkei 1966

                                                                                          Meine Fahrscheine

Kurswagenverzeichnis 1966 

Auszug aus dem Kurswagenverzeichnis D 103/D 102

Eisenbahntrecke 1966

Die Eisenbahnstrecke


 

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