Erinnerungen an Kenya
Große Füße und andere Begebenheiten
von Heinz Albers
Wir hatten das unbeschreibliche Glück, bereits zweimal dieses herrliche Land bereisen
und erleben zu dürfen. Kenia, offenbar die Wiege der Menschheit, ist ein Reiseland,
das dem Gast überaus viel bietet:
Palmengesäumte Strände wie aus dem Bilderbuch (Diani Beach),
Diani
Beach
ein durch ein Riff geschützes, sanftes und warmes Meer, schneebedeckte Berggipfel (Mount Kenya), Savannen, Wüsten, Palmen, Binnenseen, eine Vielzahl in freier Wildbahn lebender exotischer Tiere, Regenwälder, geheimnisvolle Menschen, alte und neue Kulturen, Hightech und Mittelalter, Reichtum und bittere Not. Diese erstaunliche Vielfalt breitet sich vor dem Entdecker oder dem Touristen wie ein unendlicher Fächer aus; er wartet nur darauf, von ihm geöffnet zu werden.
Während unseres ersten Keniaaufenthalts im Jahre 1994 wagten wir uns sogar in die
Dörfer und Hütten der Einheimischen und waren zu einer Audienz bei dem praktizierenden
Medizinmann der Ortschaft Ukunda. Ohne uns auch nur berührt zu haben, konnte er
innerhalb weniger Minuten unseren Gesundheitszustand exakt und richtig (!) analysieren
und beschreiben. Wie geht das? Das haben wir uns lange Zeit oft und ergebnislos
gefragt. Bestimmt haben ihm die von der Decke seiner finsteren und staubigen Hütte
herabhängenden und auf dem Boden liegenden Hühnerfedern, Holzstöckchen, Amulette
und anderen Utensilien geholfen, richtige Diagnosen zu stellen. Selbst eine Ferndiagnose
zu unserer Tochter Kerstin, die in Deutschland geblieben war, gelang ihm korrekt.
Wir waren beruhigt von ihm zu vernehmen, dass es ihr gut ginge. Für die Behandlung
von Verdauungsbeschwerden gab er uns ein kleines Bündel verschiedener Zweige mit,
die wir kochen und von dem Sud trinken sollten. Angelika riet er außerdem zur besonderen
Vorsicht beim Baden im Meer, das sie, wie er meinte, besser meiden solle. Wie konnte
der Mann wissen, dass sie eine miserable Schwimmerin war? Eine Liquidation über
seine ärztlichen Bemühungen haben wir nicht erhalten.
Medizinmann
Bei unserem Begleiter Alex Odongo, Deutschlehrer mit regelmäßigem Einkommen, aßen wir Pfannkuchen und tranken heißen Tee und wussten die Bedeutung zu schätzen, die Alex uns immer wieder verdeutlichte, dass nämlich sein Klo weit entfernt von seinen anderen Behausungen war. So blieben die Fliegen weg und aßen nicht mit. Ein Wohn-, ein Schlaf- und ein Backhaus und jenes besagte, zwanzig Meter entfernte Etablissement waren sein ganzer Stolz. Das alles lag etwas außerhalb des Dorfes, umrandet von Feldern mit Maniok, niedrigen Büschen und hohen Mangobäumen. In dem Backhaus bullerte der eiserne Ofen, der bereit war, einen Brotteig aufzunehmen. Leider fiel die Klappe der Feuerstelle immer heraus, so dass die ganze Bude voller Qualm war und wir husten mussten. Das Wohn- oder Esszimmer, in dem wir uns aufhielten, muss man sich als einen zementierten Boden mit einen Meter hohen Seitenwänden aus Stein vorstellen. Diese Konstruktion wurde von einem Makutidach (Strohdach), das auf mehreren drei Meter hohen Pfeilern ruhte, gegen Regen und Sonne geschützt. Außer Tisch, Bänken und Stühlen gab es keine Möbel. Das fensterlose Schlafzimmer war vollständig mit bunt bemalten Mauern umgeben; eine Tür sorgte für Licht. Es enthielt nur eine Matratze, die auf dem nackten Steinboden lag. Nebenan war noch ein kleiner Raum, den wir aber nicht betreten hatten. Wasser bekamen die Odongos aus einer Pumpe, Strom gab es nicht. Aber Frau Odongo und Alex besaßen Herzlichkeit und ein Selbstbewusstsein wegen ihres Reichtums. Wir waren willkommen und fühlten uns bei ihnen wohl.
Nachwuchs
Mann in Trance
Die üblichen Reisen ("Safari" auf Kisuaheli) und Ausflüge nach Mombasa, Marine-Land, Voi, Salt-Lick-Lodge, Tsavo, Flüge in den Amboseli und die Masai Mara erledigten wir jeweils pflichtschuldigst und hatten dabei eine tolle und unvergleichlich schöne Zeit, sahen und erlebten viel und wünschen uns heute noch eine Wiederkehr in diese herrliche Welt.
Gute Reiseführer (z.B. "Richtig reisen - Ostafrika" von DuMont) bieten erstklassige Informationen. Deshalb sollten Sie sich aus diesen vor Urlaubsantritt ihr Wissen aneignen.
Mombasa
Dhau
auf dem Mtwapa-Creek
Ich möchte über zwei
Menschen schreiben, die Angelia und ich in Kenia getroffen, die uns mit ihren Geschichten,
Gedanken und Anschauungen bereichert, die wir später leider aus den Augen verloren
haben, was uns heute traurig stimmt.
Da war jenes Ehepaar aus der Frankfurter Gegend; liebenswürdige, einfache und auf
uns altmodisch wirkende Menschen, die schon fast die ganze Welt bereist hatten.
Beide um die Fünfundsechzig. Sie hager mit listig-wachem, unentwegt beobachtendem
Blick und guten Ohren, in einem Badeanzug aus den sechziger Jahren; er wohlgenährt
mit stramm gespannter Haut am Bauch und im Gesicht, gelegentlich laut schnarchend
auf der Gartenliege die Mahlzeiten erwartend.
Unsere Liegen im weitläufigen Hotelgarten des Papillon Lagoon Reef standen unweit
beieinander. Es war im Laufe unseres dreiwöchigen Aufenthalts zwangsläufig so, dass
wir irgendwann miteinander ins Gespräch kommen mussten, wenn wir nicht als unhöflich
und arrogant gelten sollten. Bevor das aber so weit war, hatte sie uns
mit ihren wachen Sinnesorganen schon so intensiv beobachtet, dass ihr offenbar mehr
über uns bekannt war als uns selbst. Die Abende im Hotel verbrachten wir bis zu
unserem Zusammentreffen meist in Gegenwart junger Menschen, die zu neu auf der Erde
waren, als dass sie Ereignisreiches zu erzählen hätten. Es ist schade, wenn die
Zeit so vertan wird und dabei ein Leckerbissen an interessanten Erzählern vielleicht
unbeachtet bleibt. Aber unser Glück sollte sich in diesen Tagen des Sommers 2000
zu unserem Gunsten wenden.
Wie werden Gespräche eröffnet? Wie werden Fremde miteinander bekannt? Alle Prozeduren
und gesellschaftlichen Regeln und Konventionen, die Ihnen, liebe Leserin und lieber
Leser, als Eröffnungszeremonien bekannt sind, wie: "Guten Tag, mein Name ist...",
"Sind Sie öfter hier?", "Gestatten,...!", "Schönes Wetter heute", "Prost", "Darf
ich bekannt machen..." oder "Hab' ich Sie nicht schon mal gesehen?" vergessen Sie
rasch.
Was halten Sie von dieser Eröffnung, die etwas aufgeregt und plötzlich vorgetragen
so lautet: "Hebbet Sie auch de schwarze Aff mit de große Fiiß gesehn?" Dieses nämlich
rief uns die magere Frau vor Beginn unseres frühmorgendlichen Sonnenbades auf uns
zueilend recht atemlos zu! Und sie verwirrte uns dabei sprachlich und wegen der
Heftigkeit des Vortrags außerordentlich. Erstens dauert es morgens Stunden, bis
ich wach und artikulationsfähig bin, zweitens hatten weder meine Frau noch ich außer
den immer anwesenden Meerkatzen hier in dem Hotel jemals so einen Affen gesehen,
schon gar nicht einen mit solch extremen Füßen. Meine Frau, die unter Punkt Erstens
nicht zu leiden hat, verstand blitzschnell, nahm den Faden auf und ließ sich Details
berichten. Nun kam auch er hinzu, nickte wiederholt zustimmend und vielsagend zu
der Schilderung seiner Frau mit dem Kopf und sagte in einer kurzen Gesprächspause
voller Impulsivität: "Soo große Fiiß" und zeigte dabei mit seinen dicken Händen
einen Abstand von etwa vierzig Zentimetern auf, und er blickte uns dabei mit seinen
großen, blauen Augen bedeutungsvoll und ernst an. Angelika und ich konnten uns nur
mühsam ein Lächeln verkneifen. Es war, wie sich im Laufe der Unterhaltung herausstellte,
so, dass die Frankfurter beim Verlassen ihres Zimmers beinahe über einen Affen mit
diesen besonderen Merkmalen gestolpert waren. So ein Erlebnis ist Anlass genug für
viele Menschen (und auch Affen), dabei vor Angst und Schrecken in Ohnmacht zu fallen!
Manfred und Gertrud waren noch völlig beeindruckt von diesem Erlebnis und mussten
sich dringend mitteilen. Gemeinsam versuchten wir, sie von ihrem Trauma zu befreien,
in dem wir sie erzählen ließen und aktive Zuhörer waren. Die großen Füße hatte es
ihnen auf jeden Fall angetan.
Im Laufe des Vormittags wurden die Frankfurter aber lockerer und sie vergaßen oder verdrängten ihr schlimmes Erlebnis. Sie erzählten uns dann von den Orang-Utans, denen sie in Borneo (Kalimantan) begegnet waren und von den Pandas in China und den Schimpansen am Kongo. Meine Frage nach dem Ausmaß deren Füße wurde von meiner Frau mit einem diskreten Stoß in meine Rippen begleitet. "Nein", sagte Gertrud ernsthaft, deren "Fiiß" seien nicht so groß gewesen. Unsere Liegen rückten näher zusammen, denn Martin und Gertrud waren gute Erzähler, die Lohnenswertes aus der weiten Welt berichten konnten und deren Erfahrungsschatz nahezu unerschöpflich zu sein schien; die alle interessanten Ziele auf der Welt gesehen hatten und voller Stolz das alles mit ihren Pässen belegen konnten. Was hatten sie zu erzählen! Die Chinesische Mauer, die Anden, Alaska, Südafrika, die Llanos in Argentinien, die Taiga Sibiriens und die Weiten Australiens, die Inseln der Südsee und die des Indischen Ozeans hatten sie bereist und schon vor Jahrzehnten Europa von Spanien bis zum Nordkap mit einem Wohnwagen durchmessen. Allerdings immer nur im Sommer. Im Winter, so erzählten sie uns, können sie keinen Urlaub machen, weil er, Martin, dann unabkömmlich sei. Er müsse dann die heimischen Vögel im nahen Walde und an ihrem Haus versorgen. Das Futter bereite er selbst und stets frisch zu, sagte Martin uns, unter Verwendung geeigneter Körner, Früchte und Palmin. Sie erzählten uns dann eine Geschichte von dem neuen Flugplatz in Ushuaia auf Feuerland, der südlichsten Stadt der Erde, auf dem alles so neu war, dass die Verkaufsstände nicht einmal geöffnet hatten. Und dann sei ihr Flugzeug für den Weiterflug nach Santiago de Chile mit sechs Stunden Verspätung angekommen und mit sieben abgeflogen, und es hätte auf dem neuen Aeroporto keine Speisen und Getränke gegeben. "Was machen wir dann mit unserem Blutzucker?", fragte Gertrud uns und runzelte dabei die Stirn. Gertrud aber ist schlau! Sie hat immer ein Thermoskännchen mit gezuckertem Kaffee und einige Kekse im Gepäck. Immer. Selbst und gerade in Ushuaia, am Ende der Welt.
Es fiel etwas Regen vom Himmel, der Angelika und mich überredete,
uns schnell irgendwo mit unseren Sachen unterzustellen. Gertrud hingegen zauberte
für sich und ihren Mann hauchdünne, dunkelgrüne Plastikumhänge und zwei Minischirme
aus ihrer kleinen Handtasche. Die Frankfurter blieben auf ihren Liegen. Gertruds
auf uns gerichteter Blick war überlegen!
Sonnenaufgang in der Masai Mara
© Heinz Albers, 2007