Reisebericht
Dominikanische Republik - Cayo Levantado
von Heinz Albers
Unsere erste Fernreise führte uns im Sommer 1993 in die Dominikanische Republik.
Für uns, Angelika, Lisanne und mich, war schon die Planung ein Großereignis, die
lange Zeit beanspruchte und ausgefüllt war mit dem Studium von Katalogen,
Atlanten und Reiseführern. Unser Budget erlaubte uns erstmals, über den
Tellerrand des europäischen Kontinents hinwegzureisen. Davor waren wir ein
Jahrzehnt treu und brav nach Frankreich in die Vendee gefahren; nun durfte es
mal etwas mehr sein. Warum wir gerade die Dominikanische Republik als Reiseziel
gewählt hatten, können wir heute nicht mehr mit Sicherheit sagen. Bestimmt waren
das wirklich gute Preis-/Leistungsverhältnis und die schönen Bilder in den
Katalogen ausschlaggebend für unsere Entscheidung.
Palmen auf Cayo Levantado
Wir buchten für drei Wochen ein Hotel an der Costa Dorada bei
Puerto Plata über den Reiseveranstalter "Transair". Als wir wenige Tage nach der
Buchung einen Videofilm über Touristikziele in der Dominikanischen Republik
sahen, waren wir sofort dem Reiz der kleinen, in der Bucht von Samana gelegenen
Insel Cayo Levantado erlegen. Kurzerhand wurde das Reisebüro aufgesucht, und das
Ziel wurde gegen einen saftigen Aufpreis geändert (wobei sich das oben gerühmte
Preis-/Leistungsverhältnis stark verwässerte).
Die Tage bis zum Urlaubsbeginn gingen nur zäh vorbei. Vor allem unsere Tochter,
damals 14 Jahre alt, zeigte wenig Geduld. Letztendlich war es so weit. Mit einer
nagelneuen MD 11 der LTU flogen wir höchst aufgeregt in Düsseldorf ab. Damals
gab es sogar noch Speisekarten an Bord.
Der Flughafen Puerto Plata war zu jener Zeit eine unübersichtliche Baustelle, bestehend aus lauter Provisorien. Überall waren Gerüste errichtet worden, Baumaterial stapelte sich, Staub flog. Viele fleißige Hände bemühten sich ohne Unterstützung von Maschinen und Kränen, ein neues Flughafengebäude zu erstellen. Allenthalben Absperrbänder und Holzzäune. Die Landung erzeugte in uns zunächst das Gefühl, es müsse das Meer als Landebahn herhalten. So nah waren sich Piste und Atlantik.
Wir verließen das Flugzeug auf der Rollbahn und mussten die 100 Meter zum Gebäude zu Fuß zurücklegen. Mein erster schlimmer Verdacht war, dass meine Hose brennen würde, so hoch war die von der erhitzten Asphaltdecke reflektierte Hitze, die in den Hosenbeinen meiner Jeans hoch stieg. Dazu diese eigenartige Atmosphäre, eine Verschmelzung von Hitze, Sonne und Luftfeuchtigkeit, dazu die Klänge karibischer Musik, die aus der Ferne an unsere Ohren drangen. Dieses alles verursachte in uns einen Zustand des allgemeinen Wohlbefindens, der uns heute noch befällt, wenn wir die Tropen bereisen, der eine Sucht in uns entfacht hat, die ganz offensichtlich unheilbar ist und von uns in keiner Weise bekämpft wird.
Im Flughafengebäude standen wir in treibhausähnlichen, schweißtreibenden Temperaturen und warteten eng an eng gedrängt mit hunderten anderer Touristen auf unsere Koffer, die uns nach schier endlos scheinender Zeit von einer schiefen Ebene aus entgegen purzelten.
Der Transfer über eine von Palmen gesäumte Straße zu unserer
Insel wurde mit einem klimatisierten Kleinbus durchgeführt, in dem wir die
einzigen Insassen waren, die Cayo Levantado als Bestimmungsort hatten. Vorbei an
den Touristenorten Sosua und Cabarete steuerten wir der Abgeschiedenheit der
Halbinsel Samana, die im Osten der Dominikanischen Republik liegt, entgegen.
Irgendwo unterwegs machten wir an einer Bretterbude eine kleine Pause und hörten
Merengue-Musik. Die Straße war durchweg in einem guten Zustand, an einigen
Stellen jedoch eingeengt, weil der Fahrbahnrand zum Trocknen der Ernte genutzt
wurde.
Nach einer Fahrt von etwa dreieinhalb Stunden - die letzten der wenigen
Mitreisenden hatten uns schon längst verlassen - hielt das Fahrzeug einige
Kilometer hinter der Stadt St. Barbara de Samana abseits der Straße an einem
kleinen, einsamen Strand einer winzigen Bucht. Dort befanden sich ein
verlassener Kiosk, einige Hütten und Palmen, Palmen, Palmen. Kein Mensch weit
und breit. Zwanzig Millionen Palmen wachsen auf der Halbinsel Samana. Unter
ihnen verborgen befinden sich Dörfer und Bäche.
Mit viel spanischem Geplapper wurden wir von dem Busfahrer
ausgesetzt, der uns dann mit seinem Fahrzeug eilends verließ. Unbekannte
Vogelstimmen und Geräusche und Düfte erreichten uns. Langsam zog die Dämmerung
herauf. Die Luft umhüllte uns wohlig wie ein warmfeuchtes Tuch. Am Strand befand
sich an einem schmalen Steg ein kleines sanft hin und her dümpelndes Boot, ein
paar andere lagen umgestülpt im Sand. Schweine liefen grunzend zwischen ihnen
nach Essbarem scharrend und durch den Rüssel den Sand aufstaubend umher;
irgendwo krähte ein stimmbrüchiger Hahn. Leise kam das Meer diskret ans Ufer und
zog sich stets sanft rauschend wieder zurück.
Ich stellte die Frage in den Raum, wo sich denn, bitteschön, in dieser elenden
Schweinebucht wohl der Hafenkapitän und das Touristenzentrum befände.
Irgendetwas machte mich unruhig. Keine Menschenseele, kein Boot; nichts was auf
eine Transfermöglichkeit hindeutete. Seltsam!
Und im Stillen tauchte in uns gemeinsam die bisher ungestellte Frage auf: "Wie
kommen wir auf unsere Insel?" Und: "Was ist, wenn niemand uns abholen kommt?"
Nach etlichen Minuten ängstlichen Wartens erschien hinter einem Felsvorsprung
ein knatterndes Motorboot, das an dem wackeligen Steg festmachte.
Der Bootsführer, ein hagerer, etwas mürrischer dreinblickender Mann, sprang auf den Steg, grüßte uns kurz, nahm sich ohne viel Federlesens zwei unserer Koffer, verstaute sie in seinem Boot und bedeutete uns, ihm mit dem restlichen Gepäck zu folgen und einzusteigen. Auf den Sitzbrettern nahmen wir Platz, und der Kahn tuckerte langsam davon. Auf den Lippen spürten wir leichten Salzgeschmack.
Die kleine Nussschale bewegte sich in dem Dämmerlicht langsam um den Felsvorsprung herum. Und dann sahen wir in ein paar hundert Metern Entfernung im Goldglitzer der letzten Sonnenstrahlen die palmengesäumte Silhouette von Cayo Levantado. Unsere Herzen schlugen höher. Eine Rührung überfiel uns, so schön war das Bild.
Die Fahrt mit dem Boot dauerte vielleicht zwanzig Minuten. An
einem Steg wurden wir erwartet und von dem sehr freundlichen Personal des "Cayo
Levantado Beach-Hotels" begrüßt. Eine kleine Band spielte für uns Merengue-Musik,
die uns während unseres Aufenthalts stets begleiten sollte.
Einmal noch erreichte uns Verwirrung, als der Hotelmanager währen des
Eincheckens von uns einen "Bautscher" verlangte. Dann fiel der Groschen! Im
Spanischen wird das V wie ein B ausgesprochen. Der Manager bekam die
Hotelvoucher und war zufrieden.
Cayo Levantado
Die einzige Hotelanlage der Insel bestand aus einem kleinen, zweigeschossigen
Hotelgebäude und aus etwa 15 ebenerdigen Bungalows, die unter hohen Urwaldbäumen
verstreut in einem hügeligen Park lagen. Bei Dunkelheit beleuchtete Wege
verbanden die Gebäude mit dem Hotel. Die Insel war sonst unbewohnt und mit
Resten eines schönen Regenwaldes mit uralten, riesigen Bäumen bedeckt. Das sehr
angenehme Publikum, 30 bis 40 Gäste, bestand überwiegend aus Deutschen und
Italienern.
Zwei Traumstrände standen den wenigen Hotelgästen zur Verfügung. Ein weiterer
kleiner Strand an der Ostküste war verwildert und nicht zugänglich Das klare und
warme Wasser lud zum Baden ein. Palmen wuchsen fast waagerecht aus dem Sand des
Strandes und reckten ihre Gipfel bis über das Meer. Einheimische, die morgens
mit einem Boot auf die Insel kamen, enterten auf Wunsch und gegen ein geringes
Entgelt die Palmen und versorgten uns mit frischen Kokosnüssen.
Der paradiesische Eindruck hätte nicht perfekter sein können, wenn nicht täglich
gegen 10.30 Uhr Touristenscharen aus den anderen Teilen der Dominikanischen
Republik eingefallen wären. Um 16.00 Uhr mussten sie die Insel verlassen haben,
dann war der Spuk vorbei; das Eiland gehörte wieder uns.
Die Halbinsel Samana ist grün und mit Millionen von Palmen bewachsen. Eine grüne, üppige Vegetation setzt eine ausreichende Menge an Regen voraus. Und Regen hatten wir wirklich ausreichend bzw. reichlich. Tatsächlich fällt in diesem Bereich erheblich mehr Regen als in anderen Teilen der Dominikanischen Republik.
Findige Reisevermittler haben für Cayo Levantado den Namen "Bacardi-Insel" geprägt. Sie erzählen ihrer gutgläubigen, naiven Klientel auch heute noch, dass dort einst ein Werbefilm für Rum gedreht worden sei. Nichts davon stimmt; niemals wurde dort ein derartiger Spot produziert. Dennoch hat sich diese Lüge festgesetzt. Fragen Sie mal, liebe Leserin und lieber Leser, Leute, die in der Dominikanischen Republik gewesen sind. Den Namen "Cayo Levantado" werden nur wenige kennen. Aber die "Bacardi-Insel" kennen alle.
Karibik
Und was macht man so den ganzen Tag auf einer einsamen Insel, werden Sie fragen?
Mit der Seele baumeln, in die Palmen gucken, träumen, Coco loco trinken. Abends
saßen wir auf gepolsterten Rattansesseln und lauschten der Live-Musik, sahen uns
Aufführungen an, schauten in den Sternenhimmel und tranken uns gelegentlich
kreuz und quer durch die Cocktailkarte. Wenn es dann langweilig wurde, setzten
wir mit einem der kleinen weißen Boote über in die "Schweinebucht" und fuhren
von dort aus mit dem Pendelbus in die Stadt Santa Barbara de Samana. Dort
konnten wir uns erschrecken und waren danach wieder froh, in unserer kleinen
Glückseligkeit sein zu können. Natürlich unternahmen wir Ausflüge in die
Nationalparks und nach Santo Domingo.
Das Hotel gibt es leider nicht mehr; es findet zur Zeit kein Tourismus dort statt.
Die Dominikanische Republik präsentierte sich 1993 als Reiseziel, das noch nicht von den Touristen versaut war, die aus jedem Fleck der Erde ein zweites Ballermann machen müssen und ihre negativen Spuren gleich einer Heuschreckenplage überall hinterlassen. Damals waren jedenfalls die meisten Fernreisenden noch mit einem gewissen Niveau ausgestattet.
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Wie ich erfahren habe, hat Ende 2006 auf Cayo Levantado ein Fünf-Sterne-Hotel mit dem Namen "Gran Bahia Principe Cayo Levantado" mit 202 Zimmern, mehreren Restaurants und Bars, 3 Tennisplätzen und 3 Swimmingpools eröffnet. Also eine Anlage mit relativ großem Platzbedarf.
Es drängt sich die Frage auf, wo bei ausgebuchtem Hotel die mehr als 400 Hotelgäste und die unzähligen Tagesbesucher bleiben sollen. Dann wird es auf dieser kleinen Insel sehr, sehr eng. Es sei denn, dass man den herrlichen Wald abgeholzt hat. Von Karibik-Feeling wäre dann allerdings nicht mehr viel zu spüren.
Zwischenzeitlich gibt es die ersten Berichte, die sich anfangs vor allem negativ mit der noch nicht komplett fertig gestellten Hotelanlage und dem schlecht ausgebildeten Personal auseinander gesetzt haben. Die entsprechenden Pannen werden sich im Laufe der Zeit vermutlich legen. Unterm Strich scheint die Kundschaft die beengten Verhältnisse offenbar zu akzeptieren.
© Heinz Albers 2002, aktualisiert 2007
Das Luftbild von Cayo Levantado stellte mir Michael Rasch zur Verfügung.
Cayo Levantado aus 960 m Höhe
© Google Earth

Die größten Entfernungen auf Cayo Levantado: von West nach Ost 890 Meter, von Nord nach Süd 330 Meter.